Ich – in einem Jahr
Was kommt nach dem Abschlusszeugnis?

Nun ist es bald soweit – die Tage, auf die ich während der Schulzeit und doch auch immer wieder während des Studiums hin gefiebert habe, nahen mit großen Schritten. Die Rede ist von den letzten Tagen als „Schüler“, als „Lernender“, als „Student“, denn schon bald stehen die drei großen Examensprüfungen an, nach deren erfolgreichem Bestehen es für mich und meine Kommilitonen in die große, weite Arbeitswelt hinausgeht. Der vor zu großer Verantwortung schützende Status des „noch immer Lernenden“ ist mit dem Tag der Abschlussfeier dann doch irgendwie ganz schön plötzlich dahin. Natürlich, benotete Prüfungen sind dann endlich Geschichte, doch die wahren Prüfungen der Arbeitswelt warten wohl schon auf mich.

Meinen Dozenten, aber vor allem meinen Kommilitonen und mir, merke ich den Stress jetzt plötzlich deutlich an. Wo früher eine unbeschwerte Leichtigkeit herrschte, weil wir die Abschlussprüfungen immer noch in weiter Ferne wähnten, ist nun große Anspannung zu spüren. So manches Mal ertappe ich mich nun selbst dabei, wie ich mich frage: Bin ich gut vorbereitet auf meine Examina? Werde ich die Prüfungen mit Bravour meistern oder in Anbetracht der Nervosität am Ende scheitern? Werde ich und wird mein Ausbildungsbetrieb mit meinen Leistungen zufrieden sein? Und „last but not least“: Werde ich in der nun anstehenden anstrengenden Arbeitswelt bestehen?

Ja, plötzlich wird es richtig ernst, denn vier prall mit Informationen gefüllte Semester meines Studiums, in denen ich unglaublich viel Theoretisches, zum Glück aber auch eine Menge praxisnahe Elemente gelernt habe, sollen zum Abschluss kommen. Das lässt einen manchmal schon ein wenig unruhig werden.

Dabei schien bei mir eigentlich von Anfang an alles vorbestimmt zu sein: Mein Vater ist selbstständiger Händler und war selbst „Möfist“ – für mich war eigentlich schon immer klar, dass ich einst in seine Fußstapfen treten werde. Also habe ich nach dem Abitur mein duales Studium an der Möbelfachschule begonnen. Den Ausbildungsteil habe ich – natürlich, wie sollte es anders sein – im elterlichen Betrieb in Heinsberg absolviert, einem überschaubaren Städtchen in der westlichsten Ecke Deutschlands. So war also nun auch ich in vierter Generation in der Möbelbranche gelandet.

Zu Beginn des Studiums in Köln war alles neu und doch durch die Erfahrungen im elterlichen Betrieb zugleich vertraut. Heute, nach drei Jahren der Ausbildungs- und Studienzeit, kann ich mir etwas anderes als eine Tätigkeit in der Möbelbranche gar nicht mehr vorstellen. Auf irgendeine Art scheint mir das Interesse für die Branche doch in die Wiege gelegt worden zu sein. Selbst in meiner Freizeit komme ich inzwischen von dem Thema „Möbel“ nicht mehr los. Mit einigen Kommilitonen war ich unterwegs zur Möbelmesse in Mailand, um mir interessante Händler und Hersteller anzuschauen. Möbel sind für mich zur Faszination geworden. Ein Glück! Denn so freue ich mich auf das, was nun folgt.

Und da ist sie, die nun anstehende, alles entscheidende Frage: Was erwartet mich nach meinem Studium? Für welchen Job habe ich Ausbildung und Studium inklusive des Stresses am Ende auf mich genommen? Geht es zurück in den Ausbildungsbetrieb? Oder aber in ein ganz neues Unternehmen? Bleibe ich im gewohnten Umfeld und fühle mich dort weiterhin wohl oder blicke ich über den Tellerrand hinaus und erkunde gar die andere Seite der Medaille und fasse in der Möbelindustrie Fuß? Bleibe ich in Deutschland oder lockt mich das Ausland? Auf diese Fragen, die ich mir in so manch schlafloser Nacht gestellt habe, gibt es inzwischen erste Antworten. Nicht sofort möchte ich schöne Möbelstücke an den Endkunden verkaufen. Mailand hat mich gelockt, vielleicht sogar gerufen. Deshalb würde ich mich gerne in der italienischen Möbelindustrie umschauen. Vielleicht kann ich aber auch Einblicke in die Märkte außerhalb Europas gewinnen.

Sorgen? Befürchtungen? Ängste? Nein, eigentlich nicht. Ich bin bereit für neue Herausforderungen, ich bin voller Tatendrang! Weit weg von zu Hause, den Freunden, der Familie? Ja, auf den ersten Blick schon, aber weit ist immer relativ und ich kehre ja wieder zurück. Also, wo sehe ich mich in einem Jahr? Definitiv auf der Seite der Möbelindustrie! Am besten natürlich mit großem Erfolg bei einem renommierten Unternehmen, auf jeden Fall mitten drin in der Arbeitswelt – nach dreizehn Jahren Schule und drei Jahren Ausbildung inklusive Studium ist es nun höchste Zeit, nicht mehr vor allem zuzuhören, sondern selbst zu handeln. Ich möchte den Wandel, den die Möbelbranche zurzeit durchmacht, nicht nur verfolgen, sondern selbst daran teilhaben und diesen aktiv mitgestalten.

Und sonst, privat? Meine Kommilitonen möchte ich nicht aus den Augen verlieren. Aber das ist kein großer Grund zur Sorge. Spätestens im Januar eines jeden Jahres treffen wir uns wohl wieder. Wo? Natürlich in Köln, beim Treffen der Ehemaligen auf der Möbelmesse.

Text und Bild: Jochen Jansen