Gast in der „Keimzelle“ des Segmüller-Möbelimperiums
Ein aufschlussreicher Rundgang

Es gibt Unternehmensgeschichten, die einfach beeindrucken. Die Geschichte der Einrichtungshäuser Segmüller gehört auf jeden Fall dazu. Da gründet vor knapp neunzig Jahren ein junger Mann, Hans Segmüller, mit dem Meisterbrief des Polsterhandwerks in der Tasche einen Handwerksbetrieb in Friedberg, nahe bei Augsburg. Er fertigt Polstermöbel, die bald wegen ihrer ausgezeichneten Qualität und durchdachten Technik besonders geschätzt werden. Schon 1938 entsteht ein erstes Produktionsgebäude. Nach dem Krieg, in den Fünfzigerjahren, stellt sich die Frage, wie die eigenen Produkte am zuverlässigsten vermarktet werden können. Verhandlungen mit Möbelhäusern gestalten sich schwierig. Deshalb entstehen in süddeutschen Städten immer mehr eigene Verkaufsfilialen. 1980 folgt dann das erste großflächige Einrichtungshaus in Friedberg.

Heute gehört das Unternehmen mit insgesamt sieben Einrichtungshäusern und einem Onlineshop klar zur Spitzengruppe der deutschen Einrichtungsbranche. Ein gewaltiger Aufstieg, innerhalb von nur zwei Generationen vollzogen. Und auch die Enkel des Unternehmensgründers, die inzwischen die Geschäftsführung übernommen haben, denken an eine weitere Expansion von Segmüller, so verraten es die zahlreichen aktuellen Schlagzeilen von Tageszeitung und Fachpresse.

Was sind die tieferen Geheimnisse des Segmüller-Erfolgs? Was kennzeichnet das Unternehmen, wo liegen seine besonderen Stärken? Das wollten Studierende des zweiten Betriebswirte-Semesters an der Möfa genauer wissen.
Es ist ein sonniger Tag im Frühjahr, als sie sich auf den Weg zur bayrischen Unternehmenszentrale in Friedberg machen. Florian Segmüller, im Unternehmen zuständig für Einkauf und Vertrieb, empfängt sie. Und schon beginnt ein erster Rundgang. Segmüller produziert bis heute ausschließlich in Bayern, erfahren wir. Eine Auszeichnung als „Unternehmen mit Weitblick“ erhielt man, weil auch die Erfahrung und das Wissen älterer Mitarbeiter geschätzt werden. 37 % der Mitarbeiter sind über fünfzig Jahre alt.

Ein Motto des Unternehmens: „Wenn mas scho selber machn, mach mas au gscheid, sonschd kömmers au bleibn lassn.“ Wir übersetzen kurz für Nicht-Bayern: „Wenn wir es schon selbst tun, tun wir es auch richtig, sonst könnten wir es auch sein lassen.“ Offenkundig besteht ein hohes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. So sind etwa Werbung und Vermarktung elementarer Bestandteil des Unternehmens. In einem vollwertigen Fotostudio werden sowohl eigene Produkte als auch Möbel aus dem Zukauf perfekt in Szene gesetzt. Fast alle Marketing-Aktionen des Möbelgiganten gehen schließlich vom gleichen Ort, eine Etage über diesem Studio, aus. Vom Werbespot bis zur Fassadenwerbung, alles wird an dieser Stelle geplant und gedruckt und gemanagt. Selbst prominente Größen wie Wladimir Klitschko haben hier schon für aufmerksamkeitsstarke Werbekampagnen vor der Kamera gestanden. „Das Schwierigste an dieser Kampagne war, die Senderechte für ´Eye of the Tiger´ zu bekommen“, so die Agenturleiterin.

Wir erfahren noch, dass Segmüller aktuell sehr stark auf den Einsatz digitaler Medieninhalte setzt, etwa auf im Netzwerk integrierte Smart-TVs. Diese können individuell eingesetzt und bespielt werden. Die Videos laufen in Endlosschleife und lassen sich den Bereichen anpassen. Sie werden bequem am Computer und vollautomatisch gesteuert. Selbst das eben erst im Studio geschossene Gruppenfoto, in einer zentralen Datenbank hinterlegt, lässt sich auf diesen Geräten zeigen.

Wir verlassen das Promotion-Team, mit einer eigenen Zeitungsseite in der Hand, die von den Fachleuten gerade „live“ entworfen wurde. Und erfahren noch, dass auch alle Planungen für Umbauten und Neubauten von eigenen Architekten und Einrichtungsexperten ausgehen.

6.30 Uhr. Eine für Studierende ungewohnte Zeit. Am zweiten Tag waren dennoch alle zu dieser frühen Stunde schon hellwach. Denn wer will sich schließlich schon ein Auslieferungslager anschauen, wenn die Auslieferungen schon begonnen haben? In den 80.000 Quadratmetern arbeiten 600 Mitarbeiter, die in der Spitze bis zu 200 Lkws abfertigen. Die Auslieferungsfahrer holen sich hier die Ware selbst. Beliefert werden hier nicht nur die Friedberger Kunden, sondern vorläufig noch der ganze Süden Deutschlands, außerdem Österreich und Italien. Lediglich in hessischen Gräfenhausen gibt es noch ein Auslieferungslager. In beiden Lagern werden auch die Fachmarktsortimente angeliefert, kommissioniert und noch vor der Öffnung am nächsten Tag in die Regale geräumt.

Im Lager sehen wir auch die Ausbildungswerkstatt, in der derzeit 25 Azubis zur/m Tischler/in ausgebildet werden. Azubis im letzten Jahr arbeiten an ihren Gesellenstücken. Einige von diesen werden uns näher gezeigt. Dann führt uns der Weg weiter zur Reparaturwerkstatt, zuständig für kleinere Beschädigungen und die Reklamationsabwicklung. Hier arbeitet man eng mit dem Kundenservice zusammen, welcher im Nebengebäude ein Callcenter betreibt. Fehler, die bereits bei der Montage auftauchen, melden die Fahrer. Tritt der Schaden häufiger auf, wird der Hersteller benachrichtigt.

Unter dem Namen „Segmüller Werkstätten“ produziert Segmüller ein eigenes Sortiment. Der Duft von Buchenholz zieht uns in die Nase, als wir durch die Manufaktur geführt werden. Hier stehen keine vollautomatischen Fließbänder, denn so wäre die angestrebte Qualität nicht zu gewährleisten. Das im oberbayrischen Bad Feilnbach geschlagene Holz kommt aus eigenen Trockenkammern. Nach der Kontrolle wird es computergestützt abgelängt. Mehrere Mitarbeiter verarbeiten es an Vielblattsäge, Hobelmaschine und Fräse weiter bis zum fertigen Bauteil für die Gestelle. Die Abfälle der Produktion beheizen das Gebäude oder werden zu Dübeln verarbeitet. Nach dem Zusammenbau kommen die Teile per Aufzug zum Lackieren. Hier wird erst mit Beize der gewünschte Farbton aufgetragen und anschließend mit Klarlack versiegelt. Buntlack kommt nicht zum Einsatz; verwendet werden Lack und Beize auf umweltfreundlicher Wasserbasis.

Nicht nur die Gestelle der Polstermöbel entstehen in den Segmüller Werkstätten, sondern auch Federn und Schaum. Aus unterschiedlich dicken Drähten werden Bonellfedern an einer historisch anmutenden, aber immer noch gut funktionierenden Maschine in verschiedenen Größen gefertigt. Nebenan werden Formen für den Schaum angefertigt. Aus mehreren Chemikalien wird der Schaum angemischt, der sich auf das Fünffache ausdehnt. Dieser wird gebacken und darf sich ausruhen. Aus der Form genommen, muss der Schaum vier Wochen reifen, bis er verarbeitet wird.

Im nächsten Raum riecht es herrlich nach Leder. Hier wird das Leder kategorisiert. Nicht zu verwendende Stellen werden markiert. Wieder greift Segmüller auf regionale Produkte zurück, das Leder kommt aus Bayern und Italien. Vollautomatisch zugeschnitten, kommen die Leder- und Stoffteile zur Näherei. Kunstleder kommt hier nicht zum Einsatz, sondern 500 verschiedene Stoffe und 150 verschiedene Leder mit einer Fläche von insgesamt 180.000 Quadratmetern pro Jahr. Dann kommt es zur „Hochzeit“: Alle Teile werden zusammengesetzt und getestet, bevor sie ausgeliefert werden.

In der Ausbildungswerkstatt für Polsterer, die wir anschließend besuchen, arbeiten heute nur wenige, da ein Teil der Azubis an diesem Tag seine Prüfung ablegt. Hier werden Übungsstücke angefertigt; die Azubis aus dem dritten Jahr kümmern sich um Reklamationen. Auch in Zeiten der Globalisierung hat sich Segmüller klar für eine Produktion in Deutschland entschieden. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Auch die Ausbildung eigener Mitarbeiter hat bei Segmüller lange Tradition. Etwa 200 junge Menschen werden hier auf ihre berufliche Zukunft vorbereitet. Gemeinsam mit Himolla unterhält das Unternehmen sogar eine eigene Schule für Polsterei.

Am Ende der Führung gelangen wir in den Showroom, in dem die neuesten Entwicklungen, aber auch „antike“ Stücke aus den 70ern stehen. Dann fahren wir zum Möbelhaus, um Näheres über das Schulungsprogramm „Step Up“ erfahren. Das von Segmüller entwickelte Programm vermittelt kontinuierlich Kenntnisse über Materialien, aktive Kundenansprache und Körpersprache. Denn nur ein gut geschulter Verkäufer ist auch ein guter Verkäufer. Das Trainee-Programm wird uns zusätzlich vorgestellt. Verkaufsleiter Reinhold Gütebier unterstreicht, dass unser Studium zwar eine Basis, aber noch lange nicht das Ende der Qualifizierung sei.

Wir danken uns bei Segmüller für zwei ganz außerordentlich informative, gut geplante Tage mit vielen anregenden Gesprächspartnern.

Text: Fabian Pietzka