„Sachverstand“ – präzise definiert

Peter Kliemann zu Besuch im Möfa-Branchenforum


Auf der Benutzeroberfläche seines Laptops ist der Kölner Geißbock zu sehen. Seinen Anzug ziert oft ein kleiner Sticker mit dem Kölner Stadtwappen, selbst, wenn er wieder in Berlin ist. Keine Frage, es sind schon wichtige Erfahrungen und Kontakte, die Peter Kliemann seit jeher mit der Domstadt verbinden. Zum einen kennt er die Möfa aus eigener Erfahrung, als Absolvent des Betriebswirtelehrgangs. Doch das liegt lange, immerhin ein gutes Vierteljahrhundert, zurück. Und deshalb sind es nicht vorrangig nostalgische Erinnerungen an zwei ertragreiche Jahre, die den erfolgreichen Geschäftsführer der Berliner Kliemann GmbH immer wieder von der Spree an den Rhein führen.


Seit vielen Jahren arbeitet Peter Kliemann im Vorstand des Sachverständigenrates, der den BVDM in Qualitäts- und Normungsfragen berät. Umfangreiches Expertenwissen bündelt sich in diesem Gremium, zu unterschiedlichen Produktbereichen wie zum Beispiel Polstermöbeln, Matratzen, Wasserbetten, dem Innenausbau oder Antiquitäten. Peter Kliemann selbst ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Einbauküchen. Auf ihn wartet viel Arbeit, wenn ein Richter, eine Versicherung oder ein Rechtsanwalt seine Telefonnummer ins Handy tippt. Denn das ist der Auftakt zu immerhin 25 bis 30 Gutachten, die im Jahr entstehen. Unabhängig, weisungsfrei, gewissenhaft erstellt, unparteiisch und objektiv sollen sie sein. Und sie sollen es dem Gericht ermöglichen, eine Frage zu beurteilen, die es aus eigener Sachkenntnis nicht beantworten kann.


Es ist ein besonderes Anliegen, das Peter Kliemann, begleitet und unterstützt von BVDM-Geschäftsführer André Kunz, gleich in der zweiten Unterrichtswoche des Sommersemesters im Rahmen des Branchenforums vor etwa achtzig Studierenden vorträgt. „Wir haben uns in der Runde unserer Sachverständigen mal bewusster gegenseitig angesehen“, bekennt er freimütig, „und wir haben festgestellt: Wir sind alle ganz schön alt geworden. Wir suchen Nachwuchs! Junge Leute, die bereit sind, sich rechtlich und fachlich weiter fortzubilden.“


Auf der letzten Aussage ruht ein besonderer Akzent. „Sachverständig ist der, der Sachverstand hat“, so formuliert hierzu der Referent ganz schlicht gleich zu Beginn seines Vortrags. Doch in den nächsten Minuten wird klar: So einfach, wie das zunächst klingt, ist es nicht. Denn selbstverständlich werden für eine Tätigkeit als Sachverständiger einschlägige Erfahrungen im Einrichtungshandel vorausgesetzt. Des Weiteren haben alle Sachverständigen für Möbel und Küchen eine Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer in Bielefeld abzulegen. Das erfordert eine eingehende Vorbereitung. Der BVDM bietet hierzu sechs aufeinander aufbauende Seminare an. Sie befähigen die Teilnehmer innerhalb von zwei bis zweieinhalb Jahren dazu, schriftliche Fallbeurteilungen und Fachgespräche vor Prüfern zu bestehen.


Auch derjenige, dem Urkunde und Stempel schließlich den fachlichen Erfolg bestätigen, wird sich nicht auf bislang Geleistetem ausruhen können. Es wird einige Jahre dauern – „rechnen sie mit sechs bis sieben“, sagt Peter Kliemann – bis aus einem Berufseinsteiger ein wirklich versierter Profi wird. Hinzu kommt die von der IHK geforderte Fortbildungspflicht. Sie soll gewährleisten, dass der Sachverständige stets auf dem aktuellen Stand der Fertigungs- und Verarbeitungstechnik bleibt. Alle fünf Jahre sind bei der IHK außerdem Gutachten zur fachlichen Prüfung einzureichen. Eine Voraussetzung für die weitere Bestallung als Sachverständiger.


Es ist also wie so oft im Leben: Eine anspruchsvolle Aufgabe fordert ein erhebliches Maß an eigener Kraft, an Verstand und Willen. Was könnte dennoch die Entscheidung für eine Arbeit erleichtern, die in der Regel eher als Nebentätigkeit sinnvoll ist? „Sie haben einen tollen Kontakt in die Branche“, betont Peter Kliemann, „Sie sehen, was um Sie herum passiert. Sie erarbeiten sich umfangreiches Fachwissen.“ Dann zeigt er Fotos und erzählt aufschlussreiche Geschichten rund um defekte Möbel und enttäuschte Kunden. Oft sind es Geschichten mit vielen Fortsetzungen, bei denen Ortstermine, eigene und zusätzlich fremde Gutachten, erneute Anfragen unterlegener Gerichtsparteien und weitere Folgeklagen des Händlers gegenüber dem Hersteller eine Rolle spielen. Nervenstärke ist da so manches Mal gefragt. Andererseits: „Wenn der Richter eines kleineren Landkreises weiß, dass Ihr Gutachten vernünftig ist, bekommen sie immer wieder Aufträge“, erfahren die anwesenden Möfisten vom Referenten, „das ist ein Selbstläufer.“


Offiziell als Sachverständiger arbeiten kann erst, wer mindestens 30 Jahre alt ist. Dass es zugleich nach oben keine Altersgrenze mehr gibt, dürfte die Studierenden der Möfa hingegen noch etwas weniger gedanklich beschäftigt haben. Aufschlussreich für manchen bleibt aber der Hinweis auf eine weitere berufliche Option im Anschluss an die Möfa-Ausbildung. Sie wäre längerfristig zu planen. Doch im nächsten Jahrzehnt könnte es dann vielleicht ein Möfist sein, der zum Beispiel mit dem Holzfeuchtemessgerät die Arbeitsplatte des reklamierenden Kunden untersucht.


Text und Foto: PR-Gruppe